Alpencross Stilfserjoch | Stilfserjoch

Alpencross Tag 4 Stilfserjoch

Prad - Stilfs - Trafoi - Franzenshöhe - Stilfserjoch - Passo delle Partigliole - Stilfserjoch - Le resse di Scorlucco - Bocca del Braulio - Bagni Vecchi - Bormio

49 km / 2204 hm
Wie kommt man auf die Schnapsidee mit seinem schweren Mountainbike aufs Stilfserjoch zu radeln?
Eine längere Geschichte.
Von Touren mit Jonas aufm Goldseeweg und Bocchetta di Forcola kenne ich die traumhafte Gegend rund um den König Ortler. Letztes Jahr sind wir beide mitm Auto von Bormio nach Goldrain getingelt, über die kurvenreiche Stilfserjochstraße. Seit dem bringe ich die Idee, den höchsten Gebirgspass Italiens, mitm MTB zu biken, nicht mehr aus meinem Kopf. Den diesjährigen AlpenX habe ich quasi um das Stilfserjoch rumgebastelt.

Um halb sieben Uhr morgens starte ich in Prad, ohne Frühstück. Mein Zimmer habe ich schon gestern Abend bezahlt. Die kühle Luft des Morgens sowie die Tatsache, dass so früh weniger Verkehr auf der Stilfserjochstraße ist, sollen mich möglichst weit nach oben bringen.
Die Rechnung geht auf. Auf der schattigen Straße ist so gut wie noch kein Verkehr. Ich fühle mich gut. Für die 600 Höhenmeter, von Prad, an der Stilfserbrücke vorbei und weiter von Gomagoi nach Trafoi brauche ich keine 1,5 Stunden.
Hinter der Ortschaft Trafoi nimmt die Steigung ein wenig zu und erste Serpentinen sind zu bewältigen. Zugleich werden aber auch erste Blicke auf den Ortler und seine Nachbarn frei. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen mich. Sie lassen mich nochmal ein wenig mehr schwitzen, aber es ist alles eine Kopfsache und mein Kopf ist frei.
Heute ist der Tag. Das Wetter ist dem Tag würdig, alles passt.
Jede Serpentine ist durchnummeriert, eine nach der anderen lasse ich hinter mir. Ab dem Gasthof Knott auf ca. 1820 m Höhe bin ich aus dem Wald raus. Der weitere, serpentinige Verlauf dieser Prachtstraße wird bald vollständig einsehbar. Die Höhenmeter die ich noch zu biken habe, werden immer weniger. Irgendwann sind es nur mehr 600, dann nur mehr 500. Wie bei gutem Sex oder einem guten Essen möchte ich, dass es nicht vorüber geht, dieser uphill soll ewig dauern. "Vielleicht sollte ich kurz ein paar hundert Höhenmeter wieder runter fahren?"
Viele Rennradler überholen mich, mit einigen komme ich ins Gespräch. Die "Königin der Alpenstraßen" teile ich mir mittlerweile mit vielen Autos und Motorrädern. Es gibt solche und solche. Einige legen hinter mir einen anderen Gang ein und blubbern genüßlich an mir vorbei, andere drehen ihren heißen Ofen auf meiner Höhe voll auf um einen Meter von mir entfernt mit Vollgas vorbei zu schießen.
Ein Grinsen zeichnen mir beide Typen ins Gesicht.

Dann ist es soweit. Ich bin oben. Der Trubel um die Souvenirstände und Imbissbuden ist mir nicht neu hier oben. Mit einem kühlen Heineken belohne ich mich, sitze am Straßenrand und lasse diesen Wahnsinn aus hysterischen Rennradlern, coolen Motorradfahrern und obercoolen Cabrioletfahrern auf mich einwirken. Ich war schon einmal hier, ich kenne das und es gefällt mir auch. Meine innere Zufriedenheit finde ich hier aber nicht. Schon zuhause habe ich mir Richtung Süden die Anhöhe des Passo delle Platigliole auf 2905 m Höhe angesehen. Da muss ich jetzt hin, ich will hier raus.
Kurz unterhalb des Stilfserjochs, Richtung Umbrailpass, geht links eine steile Fahrstraße rauf zum Passo delle Platigliole. Diese schiebe ich erst, fahre sie dann bis zum höchsten Punkt auf 2905 m Höhe. Erstaunlich wie schnell ich das Jahrmarkttreiben des Stilfserjochs hinter mir lassen kann und wie auffallend leise hier alles ist, ein paar hundert Meter vom Joch entfernt. Kein Motorenlärm, kein Anpreisen von heißen Bratwürsten, nur mein Atmen (was nicht wenig ist), das Klappern meines MTB und das Rascheln der eigenen Kleidung am Körper ist zu hören.
Zufrieden setze ich mich auf den steinigen Boden und genieße alles, die Ruhe, die Einsamkeit und die Aussicht Richtung Süden auf unzählige, schneebedeckte 3000er Berggipfel. Jetzt bin ich wirklich oben.

Östlich von mir, ca. 200 hm über mir befindet sich der Gipfel des Monte Scorluzzo. Ein Berg, über dessen Geschichte ich zuhause schon gelesen habe.

Der Monte Scorluzzo, 3095 m, gilt als Anfang der Gebirgsfront, gleich neben dem Berg ist die Grenze zur Schweiz. Der Berg wurde zwar noch vor Kriegsbeginn von den Alpini besetzt, weil er auf italienischem Staatsgebiet lag, wurde aber anfangs Juni 1915 von einer bunten Schar bestehend aus Standschützen, Gendarmen und Artilleristen unter Kommando des Gendarmeriekommandanten Andreas Steiner überraschend gestürmt und bis zum 3 November 1918 gehalten. Noch in der Nacht von 1 auf den 2 November 1918 wurde ein Angriff blutig abgeschlagen, am 3.11.1918 um 5 Uhr Nachmittags rückten die Kaiserschützen befehlsgemäß ab, eine Stunde später besetzten die Alpini kampflos den Berg den sie 3 1/2 Jahre vergeblich zu Stürmen versuchten.

moesslang.net

Nach einer ausgiebigen Rast, mit ein paar Fotos auf der SD-Card, rolle ich zufrieden zurück zum Stilfserjoch. Mein weiterer Weg führt mich nur anfangs die Passstraße Richtung Bormio runter. Bei einer Höhe von 2575 m verlasse ich in einer Rechtskurve die Passstraße. Es geht links rein auf einen schmalen Trail, welcher mich in angenehmer Steigung nochmal 50 hm rauf bringt zu le rese de scorluzzo. Hier sehe ich gut erhaltene Schützengräben, verfallene Gebäudereste italienischer Stellungen und allerlei Stacheldrahtverhau. Im grausamen Alpenkrieg, 1915 - 1918, zwischen Italien auf der einen Seite und Österreich/Ungarn auf der anderen Seite erlangte der Monte Scorluzzo im Soldatenjargon schnell den Namen "Blut- und Eisenberg". Die Eindrücke dieser schwer umkämpften Szenerie lasse ich auf mich wirken. Es pressiert mir nicht.
Der Weg Nr. 505 wurde damals zur Versorgung der Alpini angelegt. Ich nutze ihn heute um langsam Richtung Passstraße runter zu rollen. Ein perfekter Zwecktausch nach den langen Jahren...

Auf der Passstraße wechsle ich meinen Modus, ich liefere mir ein Rennen mit Motorradfahrern. In den Kurven liege ich vorne, an den geraden Streckenabschnitten lasse ich die motorisierten Biker wieder vor. In Bormio stehen wir dann wieder zusammen an der roten Ampel.

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