Der Tonalepass auf 1883 m Höhe gewinnt keinen Schönheitspreis. Die Straße durchkreuzt ein großes Schigebiet, Hotels und Restaurants sind auf Winterbetrieb ausgelegt. Ich mache meine Beweisfotos hier mehr oder weniger im Vorbeifahren.
Die Abfahrt vom Tonalepass ins Val di Vermiglio ist dagegen Genuß pur. Knapp 100 hm unterhalb der Passhöhe geht rechts im spitzen Winkel der Wanderweg ab. Dieser bringt mich durch dunklen Tannenwald zur Malga Pece und immer auf der rechten Seite des Val di Vermiglio weiter runter. Der Downhill beinhaltet auch einige kurze Gegenanstiege, wie es halt immer ist wenn man nicht auf der Hauptstraße fährt. Diese Gegenanstiege kosten mich Zeit, so daß es halb zwölf Uhr wird bis ich nach Fucine komme.
Mittag, Fucine, 30°, mehr als 1400 hm vor mir, Mahlzeit.
Nach Madonna di Campiglio führen mehrere Wege. Einer wäre, weiter runter ins Val di Sole zu rollen und ab Dimaro die am meisten befahrene Transalpstrecke überhaupt, Dimaro - Madonna d. C. / 900 hm, fahrbar, zu cruisen. Hab ich aber schon, was weiß ich wie oft, ich denke fünf mal, gemacht.
Heute will ich rauf zum Rifugio Orso Bruno, 2180 m, und von dort nach Madonna abfahren.
Ich trete die Betonrampe, raus aus Fucine/Ossana, 980 m, Richtung Val Piana, 1221 m, hoch. Warm ists.
"Soll ich doch umkehren, runter rollen, cruisen?" Nein, jetzt bin ich schon mal hier, wenn ich diese Madonnaalternative jetzt nicht durchziehe, wann dann? Also weiter.
Weiter zur Malga alta di Fazzon, 1546 m. Blöd ist, dass ich zwischendurch wieder 100 hm
verliere, das motiviert nicht so..
Und wieder weiter. Weiter zum kleinen Taleinschnitt des Val Lores auf 1820 m, nicht ohne dazwischen wieder 100 hm zu verlieren. Die kleinen Zacken im Höhenprofil dieser Strecke zeigen dass drei mal Höhenmeter des uphills vernichtet werden. Das Höhenprofil zeigt nicht, wieviel ich da rauf schiebe. Es ist nur steil, ich lege 70% der Strecke schiebend zurück
Beim Raufschieben will ich eine besonders schöne Aussicht fotografieren. Es ist steil. Mit der einen Hand halte ich mein Bike. Damit es nicht zurück rollt stelle ich meinen Fuß unter den hinteren Reifen. Mit der anderen Hand krame ich meine Fotokamera aus der Hosentasche. Das Objektiv der Kamera ist vom Schweiß beschlagen, "Eh klar.", und zugleich will mein Radl doch über meinen Fuß nach unten rollen. Gratulation. "Bilder die bleiben", denk ich mir.
Ich komme nicht alleine am Rifugio Orso Bruno an. Die letzten Meter treffe ich auf ca. 100 italienische Schülerinnen und Schüler die mit ihren Betreuern von der Seilbahn bis zum Rifugio wandern. Mit einem der Schüler komme ich ins Gespräch. Nach einem Blick auf sein Handy, ich vermute Google Translator, gibt er mir zu verstehen: "Berg ist steil." "Du hast Recht.", sage ich.
Diese Möglichkeit nach M.d.C. zu kommen ist abgehackt. Man kann sie machen, muss man aber nicht. Die angesprochene Strecke, Val di Sole - Dimaro - M.d.C. ist m. M. n. viel besser. Jetzt kann ich das ja sagen, ich hab das Ding gemacht.
Oben, auf 2180 m Höhe ist wieder alles vergessen. Vor allem wenn ich neben 100 Jungs und Mädels an der Theke im Rifugio Orso Bruno bedient werde. Schinkenpanini und Bier, die Welt gehört mir.
Meine Blicke schweifen auf die Gipfel des Cevedale im Norden und der Brenta-Gruppe im Süden. Logisch dass die Brenta Gipfel von Wolken verhangen sind. Das war noch nie anders.
Sagenhaft schön ist es aber trotzdem hier heroben. Wieder sind es ganz besondere Bilder die sich in meinen Kopf einbrennen.
Und irgendwann hole ich diese wieder hervor, mit einem Lächeln im Gesicht.
Jetzt kommt nicht mehr viel. Eine lockere Abfahrt Richtung Malga Dimaro, bei der ich zweimal das Angebot annehme, die Forststraße zu schonen, und abkürze. Unten geht es anschließend noch über ein paar Holzstege, den Anstieg zum Passo Campo Carlo Magno hoch und Zieleinlauf in Madonna di Campiglio. Keine Bergankunft, es geht bergab nach Madonna.